Das Schweizer Gesundheitssystem: solidarisch in mehr als einer Hinsicht

In der Schweiz ist der Zugang zu qualitativ hochstehenden Pflegeleistungen eine grundlegende soziale Errungenschaft. Alle Einwohner haben unabhängig von ihrer Situation dank der Krankengrundversicherung ein Anrecht darauf. Der Grundpfeiler des Gesundheitssystems ist das Solidaritätsprinzip. Es gilt zwischen gesunden und kranken Versicherten, aber nicht nur dort. Ein Überblick der verschiedenen Grundlagen unseres solidarischen Systems.

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Ob Sportler bei ausgezeichneter Gesundheit, chronisch Kranker, junger Mann im Vollbesitz seiner Kräfte oder Urgrossmutter im Pflegeheim: in der Schweiz zahlen alle prinzipiell die gleichen Prämien, unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand. Anders gesagt: es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem “Risiko”, welches ein Versicherter darstellt (der Wahrscheinlichkeit, dass er Pflegeleistungen beansprucht) und dem Betrag seiner Prämien. Im Gegensatz zu anderen Versicherungen, muss ein Versicherter, dessen Krankheitskosten während des Jahres gestiegen sind, im folgenden Jahr keine höhere Prämie bezahlen.

Einer für alle, alle für einen

Dieses auf Solidarität begründete System beruht darauf, dass Personen bei guter Gesundheit auch für jene mit schlechter Gesundheit mit einzahlen und nicht nur für sich selber. Im Fall einer chirurgischen Operation mit regelmässiger Nachfolgebehandlung beim Arzt übersteigen die anfallenden Kosten zum Beispiel bei Weitem den Betrag einer Jahresprämie. Der Überschuss wird von den gesunden anderen Versicherten aufgebracht, die im Lauf des Jahres keine Krankheitskosten verursacht haben (siehe nachstehendes konkretes Beispiel).

Die oft diskutierten Reserven (oder Überschüsse) der Krankenkassen kommen also der Gesamtheit aller Versicherten zugute. Es gibt kein “persönliches Sparkonto”, denn eine individuelle Abrechnung würde dem Grundsatz der Solidarität widersprechen. Der Vorteil dieses Systems besteht darin, dass jeder Versicherte jederzeit die Pflege erhält, die er benötigt. Er braucht nur für die mit seiner Prämie verbundenen Ausgaben aufzukommen (Franchise und Selbstbehalt) und muss nicht aus wirtschaftlichen Gründen auf eine kostspielige Pflege verzichten.

Konkretes Beispiel der solidarischen Kostenfinanzierung

Situation:

Vera, eine Versicherte einer Krankenkasse im Kanton Sankt Gallen muss sich einer Brustkrebsoperation unterziehen.
Kosten des Eingriffs: CHF 11'603.-

Durchschnittliche Jahresprämie in diesem Kanton: CHF 3'045.-

Anzahl der benötigten Jahresprämien zur Finanzierung der Operation von Vera:

11'603 CHF / 3'045 CHF = 3.8

Fazit:

Es braucht 3.8 Versicherte bei guter Gesundheit (die im Lauf des Jahres keine Krankheitskosten verursacht haben), um die Operation von Vera zu finanzieren.

Risikoausgleich für das finanzielle Gleichgewicht zwischen den Krankenkassen

Das Solidaritätsprinzip spielt nicht nur zwischen Gesunden und Kranken, sondern auch unter den verschiedenen Krankenkassen. Das Konzept des “Risikoausgleichs” erlaubt den Finanzausgleich zwischen Krankenkassen, die mehrheitlich Mitglieder bei guter Gesundheit haben und solchen, deren Versicherte ein höheres Risiko darstellen (ältere Personen, chronisch Kranke, usw.).

Gegenwärtig gelten 4 Kriterien zur Evaluierung der Risiken, die mit einem Versicherten verbunden sind: Alter, Geschlecht, Spital- oder Pflegeheimaufenthalt im vergangenen Jahr sowie die Medikamentenkosten im vergangenen Jahr. Je nach dem Profil ihres Versichertenbestands erhalten die Krankenkassen eine Ausgleichszahlung oder entrichten eine Risikogebühr.

Der Risikoausgleich wurde geschaffen um zu verhindern, dass die Krankenkassen nur Personen bei guter Gesundheit versichern und solche mit Gesundheitsrisiken ausschliessen. Er gewährleistet eine gegenseitige Unterstützung der Krankenkassen, die allen Versicherten des Landes zugute kommt.

Das Gesundheitssystem wird auch vom Steuerzahler finanziert

Nicht nur die privaten Krankenversicherer tragen die Kosten unseres Gesundheitssystems. Auch der Staat leistet seinen Beitrag, insbesondere bei den stationären Spitalbehandlungen. Wenn der Patient nach einem chirurgischen Eingriff eine Nacht im Spital verbringen muss, wird die Finanzierung heute geteilt: der Kanton übernimmt wenigstens 55 % der Behandlung, der Rest geht zu Lasten des Versicherers. Im Jahr 2016 bestritt der Staat 17 % der gesamten Gesundheitskosten, während die privaten Versicherer für 36 % aufkamen.

 

Die individuelle Verantwortung jedes Versicherten

In einem solidarischen Krankenversicherungssystem sind die Versicherten definitionsgemäss miteinander verbunden: dies bedeutet, dass sich jedes einzelne Verhalten auf die Gesamtheit auswirkt. Ein solches System erfordert also die individuelle Verantwortung im Interesse aller.

Auch in der Schweiz beginnt sich die Bewegung “Choosing wisely” (“Klug wählen”) zu entwickeln. Rückenprobleme, Gesundheitschecks oder die Wahl von Generika sind nur einige der Bereiche, in denen dieses Programm eine massvolle Medizin fördert, die das Wohlergehen der Patienten in den Mittelpunkt stellt. Der freie Zugang zu den Pflegeleistungen wird sinnvoll genutzt; Patienten und Fachpersonen arbeiten zusammen, um Überdiagnosen und Überbehandlungen zu vermeiden, die nicht nur kostentreibend, sondern manchmal sogar gesundheitsschädlich sind.

Durch einen massvollen Gebrauch medizinischer Leistungen verbessert der Patient sein eigenes Wohlbefinden und begünstigt gleichzeitig die Gemeinschaft aller Versicherten. Dieses verantwortungsbewusste Verhalten ist einer der Schlüssel für die Nachhaltigkeit unseres Systems: es garantiert, dass jeder Versicherte auch weiterhin jedes Mal wenn er sie wirklich braucht die optimale Pflege erhält.